lunedì 18 giugno 2012

Die Schlacht von Karfreit/Caporetto/Kobarid, der Einsatz des Giftgas nach Flitsch-Plezzo-Bovec, Zeugenaussage. © C. Pavan 1997, übersetzt von Martina Pavan

Eine heiße Benzinstichflamme, 
die dir in den Hals eintritt 
Zeugenaussage von Ivo Ivančič  aufgenommen von Camillo Pavan


Die ganze Front von Plezzo wurde damals mit Gasbomben, d.h. normalen Gasgranaten bombardiert, von denen ich einige Exemplare in meiner Sammlung aufbewahre. Aber diese Flächenbombardierung brachte keine grossen Ergebnisse. Dagegen hatte das Werfen von tausend Geschossen von der durch Böschungen geschützten Anhöhe kurz vor dem Dorf Vodenca, aus Isonzo kommend, entscheidende Folgen für das Schicksal der Schlacht. Die tausend Giftgasgranaten wurden in Röhren gesteckt, ein Art Mörser, die auf DeutschGaswerfer genannt werden, und alle gleichzeitig durch einen elektrischen Kontakt in Richtung der italienischen Schützengraben geworfen, die sich sie etwa funfhundert Meter entfernt in der Nähe von Naklo befanden.
Nach dem Durchbruch der Front ließen die Deutschen die Röhren dort zurück. Mirko Fuljac, ein alter recuperante* hier aus Plezzo, der mir gezeigt hat, meine ersten zehn bis fünfzehn Bomben zu öffnen, und der jetzt gestorben ist, erzählte mir, dass er die hunderte Röhren viele Jahre vor unserer Bekanntschaft gefunden hat. Er hat sie gesammelt und verkauft, aber er hat wenig verdient, weil sie einfach aus Eisen gemacht waren. Er konnte sich nicht erklären, wozu die Röhren benötigt wurden. Aber jetzt wissen wir, welchem Zwecke sie dienten!
Jede Röhre enthielt eine Gasgranate vom Kaliber 180. Ich habe zwei von diesen Granaten wiedergefunden: eine war fast leer, weil sie durch den Kontakt mit der Erde vom Rost zerfressen wurde, dass das Gas entwich. Die andere stattdessen war noch voll.
Anton Kauc, der bereits verstorben ist, Dvsan Klavora und ich, wir drei Freunde, haben diese Bombe in der Nähe von Naklo gefunden. Wir wussten genau, dass sie noch voll ist, weil es so war, wie wenn man eine Gasflasche in die Hand nimmt und die Bewegung des enthaltenen Gases spürt. Das Problem war: wie konnte man sie bei einem solch gefährlichen Inhalt öffnen?
Wir brauchten zwei Jahren, bevor wir eine Lösung fanden. Wir sprachen in Winternächten darüber, als wir uns in der Kneipe zum Trinken trafen. Bis wir uns eines Tages – so um das Jahr 1980 herum – entschieden, endlich zu handeln.
Wir luden ein Gewehr mit einer schweren Breda Gewehrmaschinenkugel von 8 mm aus dem Zweiten Weltkrieg (wir hatten auch sie hier in der Nähe gefunden, sie war von den Italienern zurückgelassen worden, als sie sich nach dem 8. September zurückzogen). Wir brachten die Bombe an einen Ort, bei dem wir sicher  waren, dass er von niemandem besucht wurde. Es war ein Ort im Gebirge, der höchstens von einer Person im Jahr besucht wird. Wir stellten sie auf den Boden und legten den Gewehrlauf zwei cm vor ihr hin. Dann verbanden wir den Abzug des Gewehres durch eine lange Leine mit der Seite der Granate, die dem Gasausgang gegenüberliegt, um nicht vor der Gasöffnung stehen zu müssen. Wir entfernten uns mehr als funfzig Meter und zogen an der Leine. Der Schuss ging los. Die Kraft der Kugel durchlöcherte die Decke der Granate und das Gas trat zischend aufgrund des hohen Druckes aus. Das Gas bildete eine weiße Wolke (wie Nebel, leicht ins Gelbliche neigend) von ungefähr fünfundzwanzig Metern.
Nach einer Weile, als keine Spur des Gases mehr sichtbar war, schlug ich meinen Freunden vor, die Granate zu kontrollieren. Dvsan traute der Sache nicht und wollte nicht mitkommen. Da gingen nur Anton Kauc und ich. Wir näherten uns langsam, vorsichtig, Zentimeter für Zentimeter und kontrollierten bei jedem Schritt die Luft auf einen alarmierenden Geruch hin, so dass wir beim ersten verdächtigten Zeichen anhalten konnten. Und als wir nur noch sechs-sieben Meter von der Bombe entfernt waren, spürten wir beide gleichzeitig etwas, das unseren Hals entzündete und uns hinderte, zu atmen. Wir liefen ganz schnell zurück.
Trotzdem konnte man kein Gas sehen, obwohl etwas dort geblieben war. Es war, wie in einem Raum, wo man seit Stunden nicht mehr geraucht hat, aber die Luft  noch mit Rauch durchtränkt ist.
Nach einer Weile, obwohl ich die Situation als gefährlich einschätzte, sagte ich zu meinem Freund: “Aidi, greva se nkret…”, was in unserem Dialekt bedeutet: “Los, komm…gehen wir noch mal!”. Aber Anton hatte zu viel Angst. “Nein”, er sagt mir, “ich komme nicht mehr mit”.
Ich bin so wie ich bin, dass ich es noch einmal versuchen wollte! Ich näherte mich der Granate wieder, allein, immer die Luft riechend, Schritt für Schritt. “Es gibt nichts”, sagte ich mir, während ich mich dem Ort näherte, wo ich das Gas spürte, und ich ging noch einen Stück weiter. “Es gibt noch nichts”, sagte ich mir und ging noch weiter. Vielleicht wechselte in dem Moment der Wind seine Richtung, ich weiss es nicht: auf einmal befand ich mich mitten im Gas, ich fühlte eine heiße Benzinsstichflamme in meinem Hals, die wie Feuer brannte. “Ah, ich kann nicht mehr atmen!”.
Ich drehte mich, hatte gerade noch Zeit, einige schnelle Schritte nach vorn zu machen und fiel dann auf den Boden, weil ich keine Luft mehr bekam. Ich konnte die Worte meiner zwei Freunde horen: “Er ist fast tot…”.
Aber danach fing ich an, mich zu erholen, zu husten und den Schleim aus der Nase zu blasen. Ich brauchte zehn Minuten bevor ich wieder richtig gut atmen konnte. Nach zwei Stunden brannte der Hals nur noch ein bisschen und am Tag danach war ich wieder gesund. Jetzt kann ich bestätigen, was in einigen italienischen Bücher geschrieben steht: dass diese Soldaten, auf die das Gas geworfen wurde, starben, nachdem sie Blut und Lungenfetzen ausgespuckt hatten.[1] Das stimmt, ich bin sicher, dass es so war, weil ich es selbst erfahren habe.
Um dir eine Vorstellung davon zu geben, wie kräftig dieses Gas war, sage ich dich noch etwas. Als wir die Granate zum Explodieren gebracht haben, war es ein Sommertag, vielleicht Ende August, Anfang September, aber die Blätter waren noch ganz grün. Aber wir sind nach einigen Tagen dorthin zurückgekommen und die Blätter in einem Umkreis von fünfzig Metern waren alle verbrannt, sie waren von der Farbe dieses Schrankes; nicht nur die Blätter waren verbrannt, sondern alles war angebrannt, auch das Gras war vertrocknet. Nach fünfzig Metern war die Vegetation ein bisschen weniger in Mitleidenschaft gezogen, aber die Spuren des Gases waren in einem Umkreis von zweihundert Metern sichtbar.
Es war das Gas Phosgen [2], ich habe es auch in einem italienischen  militärischen Dokument aus der Kriegszeit erwähnt gefunden.[3] Aber ich bin kein Chemie-Expert und so kann ich nicht sagen, ob es wie Mandeln oder Kaffee oder Nudeln roch! Ich habe keinen Geruch wahrgenommen [4]. Ich kann nur sagen, dass ich der letzte Mann bin, der dieses Gas gerochen hat und der noch am Leben ist! Aber verlassen wir diese Diskussion darüber, was für ein Gas das war. Das, was ich mit Bestimmtheit zu sagen weiß, ist, dass wenn ich auch nur einen einzigen vollen Atemzug getan hätte, ich mit Sicherheit tot wäre. Denn wenn dieser weiße Rauch auftaucht, braucht es nicht viel, ein einziger Atemzug, und du bist tot. Als ich das alles gespürt habe, gab es schon keinen Rauch mehr, es gab eigentlich nichts mehr zu sehen, trotzdem wäre ich um ein Haar gestorben. Und damals haben die Deutschen hier tausend Gasbomben abgeworfen, die schon vor dem Aufprall auf dem Erdboden explodiert sind und dadurch eine riesige Rauchwolke produziert haben, eine Rauchwolke aus Gas. Danach ist das Gas, weil es schwerer als Luft ist, überall eingedrungen, in die Schützengräben, die Baracken, die Höhlen, überall. Es reichte ein einziger Atemzug für die italienischen Soldaten um zu sterben.



*Am Ende des Ersten Weltkrieges, war der recuperanter ein richtige Beruf, der die Aufgabe hatte alle die Kriegsgegenstände von den Schlachtfeldern einzusammeln und zu verkaufen. (Hinweise des Übersetzers)

 

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[1] Weder konnte der Zeuge mir sagen, auf welchen Autor er sich bezieht, noch konnte ich allein es herausfinden. Die Worte von Ivancic erinnern an diejenigen, die man in der italienische Übersetzung von Fritz Weber Dal Monte Nero a Caporetto, 1. italienische Auflage, Mursia, 1967, S. 382. «Qua, là, dappertutto, questa nebbia orrenda, bastava aspirarla una volta perché i polmoni ne venissero corrosi, una sola boccata e la vita se ne andava a brani sanguinolenti»*, findet. Ein anderes Beispiel geben Walther Schaumann-Peter Schubert, 1990, Isonzo, là dove morirono…, Ghedina e Tassotti, Bassano del Grappa, Vicenza, p.220: «Fra le masse dei cadaveri sedevano alcuni intossicati dai gas che sputavano sangue da sotto il becco delle loro maschere…»**.
[2] Nach Attilio Izzo, Guerra chimica e difesa antigas, zweiter Auflage aktualisiert und erweitert, Hoepli, Milano, 1935, S. 21, bei der Stadt Plezzo «gli aggressivi adoperati furono il difosgene e la difenilcloroarsina. I colpiti (circa 500-600 uomini) morirono istantaneamente»***. Es handelte sich um das V. Bataillon, 87. Regiment Brigade Friuli.
(Offizielle italienische Wiedergabe, Verteidigungsministerium, Heeresführungskommando, historisches Archiv, 1967, Das italienische Heer im I. Weltkrieg, Bd. IV/3, Skizze 3).
Beide, Phosgen und Diphosgen, werden zu den Lungenkampfstoffe gezählt, weil sie die Atmungsorgane  angreifen, und beide werden in der Gefahrstoffkennzeichnung als sehr giftig eingestuft. Das Diphosgen hat den Vorteil, sehr stabil im Kontakt mit Eisen zu sein. Aus diesem Grund konnte es direkt in die Geschosse geladen werden, wie durch die von Ivancic gefundenen Granaten bewiesen wurde. Im Gegensatz dazu kann die Zyanwasserstoffäure [Blausäure] in den Bomben aus Eisen „[...] nicht im flüssigen Zustand verwendet werden“ (Izzo, op. cit., pag.52). Außerdem wird das Diphosgen „nicht einfach im Wasser zersetzt“ (Id., p.50), ein Faktor, den die Angreifer in Bezug auf die landschaftlichen und atmosphärischen Bedingungen, in denen sie das Gas verwenden mussten, im Blick hatten. Geschosse mit Diphenylarsinchlorid waren von den Deutschen durch ein blaues Kreuz gekennzeichnet, denn es  wird unter die Reizstoffe eingeordnet, obwohl es eine eigene Giftigkeit besitzt. Es ist für die Schleimhaut der Nase, des Halses, der Augen und der Atemwegen besonders reizend“. (Id., pag. 71).
[3] Er bezieht sich auf eine Kopie, die sich in seinem Besitz befindet, leider ohne bibliographische Hinweise.
[4] Es ist eine Antwort auf meine Anregungen, das was Giovani Comisso,in seinem Buch “ Kriegstage” 3. bearbeitete Auflage, Longanesi, Milano, 1960, S. 127) geschrieben hat  und auf Mario Silvestris Buch von 1984 “ Karfeit. Eine Schlacht und ein Rätsel, (Oscar Bestsellers, Mondadori, 1995) S. 180. Letzterer vermutet aufgrund  der Aussagen von Comisso und Weben (ebd. S. 380 u.383),  über den typischen Geruch von  Cyanwasserstoff (saure Mandeln), dass das in Plezzo abgeworfene Gas nicht Phosgen, sondern Cyanwasserstoff sei. Aber Cyanwasserstoff oder Blausäure, obwohl sie eine der giftigsten Säuren ist, die man kennt, falls aufgrund seiner Flüchtigkeit allein verwendet, ergab unzureichende Ergebnisse”. (Izzo, OP:Cit., S. 51)

* Hier und da, überall, dieser schreckliche Rauch, bei dem es reichte einmal zu atmen um die Lungen anzugreifen, ein einziger Atmezug und das Leben war von nun  an blutig.
**  Zwischen  Mengen von Leichen saßen einige, vom Gas vergiftetete, die Blut unter ihren Gasmasken spukten.
*** Die giftige Gase waren das Diphosgenen und das Diphenylchloroarsine. Die Vergifteten (etwa 500-600 Menschen) starben sofort.

PS
Ivo Ivančič  ist Besitzer einer musealen Sammlung von Kriegsgegenständen, die er auf den Schlachtfeldern in dem Gebiet von Robon-Plezzo gefunden hat.

übersetzt von  Martina Pavan
(Traduzione di Martina Pavan)

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